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Musik und Mathematik
Friedrich Kittler im Gespräch mit Till Nikolaus von Heiseler.
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Friedrich Kittler ist einer der wichtigsten und einflussreichsten Medientheoretiker Europas. Er spricht über seine Tetralogie, deren 2. Teilband nun erschienen ist: "Die beiden Worte, die den Titel einer Tetralogie aus Hellas, Roma Aeterna, Hesperien und Turing-Galaxis bilden, stehen für die Wurzeln von Kunst und Wissen: "musike", die Lust des Singens, Tanzens, Spielens heißt nach der Muse, die im Herzen alles aufbewahrt und daher davon sagen kann. Musik macht also nach, was Musen tun, seit sie auf ihrem Götterberg mit allem Singen angehoben haben. Aus fast dem selben Ursprung stammt "mathesis", das Lehren im allgemeinen, und Mathematik, das Denken über Zahlen im besonderen. Bei Homer heißt "mathein" nämlich noch nicht zählen oder rechnen, wie Aristoteles gelehrt hat, "mathon" nennt vielmehr ein dunkles Wissen, das Helden erst nach Jahrzehnten des Erfahrens in Fleisch und Blut gegangen ist. Unter den wenigen Reimen, die in Griechenohren widerhallten, blieb der alte Spruch von "pathein/mathein", leiden und lernen unverloren." |
Beeinflusst von Gregory Bateson, der in sein Denken die Materialität der Kommunikation mit einbezieht, von Jacques Lacan, der das Operieren von Signifikanten in ihrer Materialität beschreibt und schließlich von Michel Foucault, der die Unhintergehbarkeiten des Diskurses (als episteme, als "Archiv" und als "historisches Apriori" beschreibt, entwickelt er eine Medientheorie, die die materiellen und institutionellen Grundlagen das Diskurses und der Wissensproduktion und Speicherung konkret benennt.
Sein Programm kann man als "Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften" begreifen. ((so der gleichnamige Titel einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1980.)) Kittler denkt nicht, wie Marshall McLuhan, die Medien als "extensions of man", sondern umgekehrt, den Menschen von den Kulturtechniken her. Zu einem seiner Zentralbegriffe wird Aufschreibesysteme]", eingeführt in dem gleichnamigen Buch ((Aufschreibesysteme 1800 - 1900, München 1985)).
1993 erhielt er den Lehrstuhl für Ästhetik und Geschichte der Medien an der Humboldt Universität zu Berlin und wurde - so kann man mit Fug und Recht sagen - schulbildend. Kittler gilt als einer der einflussreichsten Medientheoretiker Europas.
mehr über Kittler in unserem Archiv
ARCHIV
2. Dezember 2009:
#2b End of History = Privat History?
Der Neumann jour fix fand Café des Collegium Hungaricums statt.
Getrennt davon wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Video/Sound- Installation "RAWextension f5“ im Panoramasaal gezeigt und nach außen übertragen.
1. END OF HISTORY
Der Begriff ’End of History’ wurde 1992 von dem US-amerikanischen Politikwissenschaftlier Francis Fukuyama geprägt (The End of History and the Last Man, 1992). Fukuyama greift dabei Hegel bzw. Alexandre Kojèves Hegelinterpretation auf, nach der sich die Dialektik von Herr und Knecht mit der Schlacht von Jena auflöst und somit der dialektisch-historische Prozess vollendet ist. Dieses Konzept übernimmt Fukuyama, verschiebt aber das Ende der Geschichte in das Jahr 1989, das Jahr des “universellen Sieges der kapitalistischen Demokratie”. Der Begriff des ‘Last Man’ bezieht sich dabei auf Nietzsches ‘letzten Menschen’. “Es handelt sich darum”, schreibt Foucault (Archäologie des Wissens, dt. 2002, S.293), “eine Dezentralisierung vorzunehmen, die keinem Zentrum ein Privileg zugesteht.” - Haben sich die Zentren der Macht nur verunsichtbart, indem sie sich beispielsweise als technische Standards oder anonyme Instititutionen festschreiben oder ist der Traum von der Dezentralisierung im viralen Marketing endgültig aufgehoben und paradox in Erfüllung gegangen?
2. PRIVAT HISTORY
History is also her or his story! Geschichte ist nicht bloß eine Sammlung von Daten und Fakten über Vergangenes. Sie ist gewesenes Geschehen, dessen historische Bedeutung häufig erst aus zeitlicher Distanz erkennbar und durch mediale Fortschreibung oft überhaupt erst begreifbar wird. Sie ist das Bewusstsein von dem, was wir durch Medien von ihr sehen und verstehen können und gleichzeitig wird sie immer durch und in Medien konstituiert. Zu den früher oft monolithisch verfassten Erzählungen von Geschichte sind mittlerweile vielfältige und scheinbar persönlichere Formen des Erzählens gekommen. Ob zum 9/11, zum Irakkrieg/War on Terror oder zum Untergang des Sozialismus, jeder hat seine eigene Sicht auf diese Ereignisse, auch weil sie stark mit dem Identitätsempfinden verstrickt sind. Dies führt dazu, dass sich die ‘große Erzählung’ nicht einfach in ein unendliches, vielfältiges Stimmengewirr auflöst, sondern sich in Selbstdarstellungs- und Befindlichkeitsterror verliert, denn fast alle Formen der Geschichten scheinen - vom Medium her - heute einem neuen Zwang unterworfen zu sein, dem der Selbstdarstellung. Der Terror der disziplinarischen Lehrmeinung wird ersetzt durch den Terror nach außen getragener privater Befindlichkeiten. Die Radio-Utopie Brechts, die Dezentralisierungsphantasien der postmodernen Denker und die partizipatorischen Modelle der 60er und 70er Jahre haben sich in der Schönen Neue Welt von MySpace und YouTube in ihre eigene Parodie verwandelt.
Welche Strategien können wir hieraus ableiten? Und was hat dies mit Konzepten der Kunst von der Kontext-Art zum Reenactment zu tun?
Mittwoch, 4. November 2009, 20.30 Uhr:
#2 Das künstliche Leuchten im Kontext der Kunst
Mathias Wagner K. im Gespräch mit Jan-Peter E.R. Sonntag. Über das Fluidum Licht und seine Apparate als Material künstlerischen Schaffens – der Versuch einer Geschichte des Lichts in der Kunst und ihrer Epistemologie.
Matthias Wagner K. ist u.a. künstlerischer Leiter der ersten Biennale für Internationale Lichtkunst Ruhr 2010 - open light in private spaces.
